Glossar

E

Effectuation

Effectuation bezeichnet eine Handlungslogik unter Bedingungen der Unsicherheit. Statt zuerst ein Ziel festzulegen und anschließend nach den Mitteln zu suchen, mit denen es sich erreichen lässt, gehen Akteur:innen von den Mitteln aus, die sie bereits haben, und entscheiden, was sich mit diesen Mitteln erzeugen lässt. Sie steht im Gegensatz zur Causation, die von einem vorab festgelegten Ziel rückwärts arbeitet. Das Konzept wurde von Saras D. Sarasvathy (2001) auf der Grundlage von Studien zu erfahrenen Unternehmer:innen entwickelt.

Die Mittel bestehen aus den Ressourcen der handelnden Person, wie ihren Eigenschaften, ihrem Wissen und ihren sozialen Netzwerken. Aus diesem Ausgangspunkt ergeben sich vier Prinzipien:

  • Verkraftbarer Verlust: Die handelnde Person fragt nicht, welcher Ertrag möglich ist, sondern welche Verluste sie verkraften kann. Das Risiko wird durch den Einsatz begrenzt, nicht durch die Vorhersage von Ergebnissen.
  • Kontrolle statt Vorhersage: Wo sich die Zukunft nicht vorhersagen lässt, konzentriert sich die handelnde Person auf das, was sie beeinflussen kann. In dem Maße, in dem sich die Zukunft kontrollieren lässt, muss sie nicht vorhergesagt werden.
  • Strategische Partnerschaften: Ziele sind nicht vorab fixiert, sondern entstehen und verändern sich im Verlauf des Handelns, oft weil Partner:innen sich dem Projekt anschließen und ihre eigenen Interessen und Ressourcen einbringen.
  • Unwägbarkeiten als Gelegenheit: Unerwartete Ereignisse werden als Gelegenheiten behandelt, die sich nutzen lassen, nicht als Störungen, die es zu vermeiden gilt.

Beispiel: Eine Köchin wird gebeten, in Schränken nach vorhandenen Zutaten und Geräten zu sehen. Ausgehend von diesen Mitteln stellt sich die Köchin mögliche Gerichte vor, wählt eines aus und bereitet es zu. Nach dem Prinzip der Causation würde die Köchin zuerst ein Menü wählen und dann die dafür erforderlichen Zutaten besorgen.

In der Entscheidungsforschung zur Politikformulierung verknüpft Sarasvathy den Ansatz mit Lindbloms (1959) Modell der „successive limited comparisons“, bei dem die handelnde Person unmittelbar zwischen Politikoptionen wählt, statt im Vorfeld eine Wertehierarchie festzulegen. Die Vorhersage wird nicht abgeschafft, sondern sie steht lediglich nicht mehr an erster Stelle.

Effectuation gilt als besonders nützlich in dynamischen, nicht linearen Umgebungen.

L

Lobbyismus

Lobbyismus bezeichnet den Versuch von Interessengruppen und anderen organisierten Akteur:innen, politische Entscheidungen und die Gesetzgebung zu beeinflussen. Als Interessengruppen gelten formale Zusammenschlüsse von Individuen oder Organisationen, die aufgrund geteilter Anliegen auf staatliche Entscheidungsprozesse und die öffentliche Politik einwirken. Lobbyismus wird auch von einzelnen Unternehmen, NGOs, Gewerkschaften, Think Tanks und professionellen Berater:innen im Auftrag von Klient:innen betrieben. Sein Ziel ist es, politische Entscheidungen zu gestalten, zu verhindern oder anzustoßen; typischerweise werden Entscheidungsträger:innen dabei mit Fachwissen und Informationen versorgt.

Der Lobbyismus richtet sich vorrangig an die Exekutive und den Gesetzgebungsprozess, einschließlich der Verwaltung auf Arbeitsebene. Er erfolgt unter anderem durch Anschreiben, Telefonate, Treffen, die Teilnahme an Anhörungen, Vorlagen, Berichte und Studien. Neben dieser direkten Einflussnahme auf politische Entscheidungsträger:innen umfasst Lobbyismus auch die indirekte Einwirkung auf die öffentliche Meinung. Die Personen, die diese Tätigkeit ausüben, werden als Lobbyist:innen bezeichnet. Der Begriff leitet sich vom englischen „lobby“ ab und verweist auf die Vorhalle von Parlamentsgebäuden, in der Interessenvertreter:innen auf Abgeordnete warteten.

Lobbyismus und Policy Entrepreneurship überschneiden sich, sind aber nicht deckungsgleich. Ein Unterschied besteht im Verhältnis zwischen Akteur:in und Idee: Lobbyist:innen vertreten typischerweise Interessen auf der Grundlage eines Mandats, während Policy Entrepreneure für ihre eigenen Ideen einstehen und ihre Legitimität nicht primär aus einem externen Mandat, sondern aus der glaubwürdigen Repräsentation dieser Ideen beziehen. In der Praxis ist die Grenze unscharf, da Lobbyist:innen auch eigene Ideen vorantreiben und Policy Entrepreneure auch Interessen vertreten. Policy Entrepreneure sind im Umfeld politischer Entscheidungszentren tätig und erfüllen oft zusätzlich die Funktion von Lobbyist:innen, umgekehrt gilt dies nicht zwangsläufig. Fehlt Policy Entrepreneuren Nähe zu Entscheidungszentren oder Wissen über politische Entscheidungsprozesse, können Lobbyist:innen diese Lücke im Team der Policy Entrepreneure schließen.

P

Policy Entrepreneur

In den Politikwissenschaften sind Policy Entrepreneure Akteur:innen, die eigene Ressourcen wie Zeit, Energie, Expertise und Reputation investieren, um eine bestimmte politische Idee zu fördern, in der Erwartung künftiger Erträge. Diese Erträge können materieller, politischer oder ideologischer Art sein. Policy Entrepreneure können Einzelpersonen oder Organisationen sein, und sie können sowohl innerhalb als auch außerhalb staatlicher Institutionen tätig sein. Zu ihren Aktivitäten gehören der Aufbau von Teams, Koalitionen und Netzwerken sowie die Rahmung von Problemen zugunsten ihrer politischen Ideen.

In John W. Kingdons „Multiple-Streams“-Modell (1984) sind Policy Entrepreneure die Akteur:innen, die über einen längeren Zeitraum hinweg politische Veränderung vorbereiten und Probleme mit verfügbaren Lösungen und politischen Konstellationen verknüpfen, wenn sich ein Policy Window (ein günstiges Gelegenheitsfenster) öffnet. Kingdon benennt drei Eigenschaften, die ihre Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen: einen Anspruch, gehört zu werden (aufgrund von Expertise oder Autorität), starke Verbindungen und Beharrlichkeit.

Empirische Forschung stützt die Annahme, dass sie Einfluss haben. Eine Studie von Michael Mintrom (1997) über Reformen zur freien Schulwahl in US-Bundesstaaten ergab, dass das Thema in Bundesstaaten, in denen Policy Entrepreneurs aktiv waren, mit größerer Wahrscheinlichkeit auf die legislative Agenda gelangte und als Gesetz verabschiedet wurde. Weitere Studien (z. B. Mintrom und Norman 2009) nennen zusätzliche Fähigkeiten, die zu ihrem Erfolg beitragen, etwa soziale Wahrnehmungsfähigkeit, Problemdefinition, Teambildung und Vorbildfunktion. Akteur:innen, die eigene politische Ideen voranbringen wollen, können diese an ihre Umstände und Ziele anpassen.